Er verziert seine Nudeln sogar mit Blattgold

Er verziert seine Nudeln sogar mit Blattgold


Stuttgarter Zeitung, 26.07.2012

Jürgen Veit

Lenningen Peter Herrmann stellt in einem ehemaligen Kuhstall  ausgefallene Teigwaren her. Die Kreationen des 54-Jährigen zeugen von einem fast grenzenlosen Einfallsreichtum. Er gilt als derr Nudelkünstler von Brucken. 

Für Zeitgenossen, die Teigwaren schlicht als Beilage bezeichnen, mag unumstößlich feststehen: eine Nudel ist eine  Nudel ist eine Nudel. Doch zu denen  zählt  Peter  Herrmann ganz be­stimmt nicht.  Der 54-Jährige hat eine be­sondere Beziehung zu Spaghetti, Spirelli, Rigatoni und Co. Denn bei ihm ist die Nudel eben nicht nur Nudel, sondern ein  Nah­rungsmittel, bei dessen Herstellung er na­hezu grenzenlose Kreativität walten lässt.

Werbewirksam nennt er sich auf seiner Internetseite deshalb "Nudelphlüsterer" mit "Genussphantasie", wobei  das  ph je­weils für seine  Initialen steht. Im Lennin­ger Teilort Brucken stellt Peter Herrmann in  einem  renovierten Bauernhof rund 70 Nudelsorten her. Freilich  kommen aus seiner Nudelmaschine im ehemaligen Kuh­stall  auch  gängige Sorten, hergestellt  aus den Getreidesorten Dinkel, Hartweizen und Emmer, heraus. Doch gleichzeitig ent­wirft er Nudeln, bei denen man erahnen kann, wie es sich an­ fühlt, wenn das Auge mitisst.

Beispielsweise be­druckt er Bandnudeln nach dem Wunsch der Kunden. Etwa für die Hochzeit mit den Na­men von Braut und Bräutigam oder mit dem Wunsch ,,Alles Gute zum Geburtstag". Er schafft es auch, mittels Lebensmitteltin­te Fotos aufTeigplatten aufzudrucken. Da­ für stellt er eigens zwei verschiedenfarbige Teigsorten her.

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Nudeln, Nudeln, nichts als Nudeln - für Peter Herrmann sind sie allerdings weit mehr als nur eine Beilage.

"Er denkt bei Nudeln da weiter. wo andere längst aufgehört haben."
Constanze Herrmann über ihren Mann

Da kommen seine Zitronengras-, Maronen-, Spargel-, Dill-, Curry- oder Ho­kaidonudeln vergleichsweise bescheiden daher. Was man von den schwarzen Sepia­nudeln  allerdings nicht behaupten kann. Die funkeln  den  Betrachter aus der Tüte heraus an, wie das Geschmeide in der Aus­lage eines Juweliergeschäfts. Dieser Ver­gleich ist durchaus stimmig, denn  Peter Herrmann verziert die Nudelnde luxe mit essbarem Blattgold, 24 Karat. Schon Hilde­gard von Bingen habe Gold als Heilmittel gegen Rheuma und Grippe empfohlen, merkt er lachend an. Doch auf Rezept gibt· es seine Edelmetallnudeln dennoch nicht.

"Das  kreative  Nudelherstellen faszi­niert  mich  einfach", erklärt Peter  Herr­mann seinen Drang, immer mehr ausgefal­lene Sorten zu ersinnen. Seine Frau Cons­ tanze behaupte schon scherzhaft, er denke bei Nudeln da weiter, wo andere längst auf­ gehört  haben. Dazu zählt auch sein Credo, die Teigwaren in einem möglichst schonenden Prozess herzustellen. Er trocknet seine Nudeln  bis zu 40 Stunden lang. Entsprechend  klein  ist  die Menge von 100 Kilo­gramm, die er pro Produktionstag in seiner Ein-Mann-Manufaktur herstellt.

Doch auch mit großen Produktions­mengen kennt er sich aus. Viele Jahre be­trieb  er die Spätzlefabrik Herrmann im Kirchheimer Stadtteil Ötlingen, die er von seinem Vater Heinz – der hat übrigens einst eine  Spätzleschabmaschine erfunden – übernommen hatte. Zuletzt waren in Ötlin­gen täglich 30 Tonnen der schwäbischen Nationalteigware hergestellt worden.Doch der Markt  habe sich zunehmend "schwie­rig" gestaltet, sagt Peter Herrmann. Er ver­kaufte die Fabrik deshalb im Jahr 2009 an eine Teigwarenholding und blieb zunächst Geschäftsführer, ehe sich einige Jahre spä­ter die Wege trennten.

Doch den Teigwaren wollte er treu blei­ben, und er kam auf die Idee, Nudeln im kleineren Stil herzustellen. Zunächst in seinem  Haus  in Kirchheim-Jesingen und seit gut einem  Jahr  im restaurierten  Bau­ernhof  in Brocken. Ein Kunde von ihm ist Bioland. Er wolle aber auch versuchen, re­gionale  Gastronomen von seinen Nudeln zu überzeugen, so der Nudelkünstler.

Peter Herrmann ist noch immer  in der­selben  Branche tätig wie früher. Doch da­mals  belieferte er große Discounter mit Spätzle, heute verkauft  er seine Nudeln in seinem Laden in Ötlingen und samstags auf dem Kirchheimer Wochenmarkt. Die Reduzierung  der Tagesproduktion von 30 Tonnen  auf 100  Kilogramm nennt er einen "Quantensprung". Früher saß er hauptsächlich am Schreibtisch und achtete darauf, "dass  die Maschinen rund um die Uhr laufen". Doch jetzt besitze er die Muße, neben der normalen Produktion an seinen Kreationen zu tüfteln. Sein neuestes Projekt: er will Teigwaren als Fingerfood auf den  Markt  bringen und  damit  vor allem Kinder und Jugendliche ansprechen.

An erster Stelle aber stehe für ihn die Qualität. Und die sei dann am besten, wenn man sich für die Herstellung Zeit nehme. Für Peter Herrmann ist es deshalb nicht er­staunlich, dass  bei der italienischen  Kür der Nudel des Jahres "stets kleinere Manu­fakturen gewinnen".

 

 

 

 

 

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