Gold-Nudeln und andere Leckerbissen

Gold-Nudeln und andere Leckerbissen

 

Der Teckbote, 02.06.2012 

Iris Häfner  

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Lenningen. Die Nudel in allen erdenklichen Variationen – das ist die Welt von Constanze und Peter Herrmann. Seit rund einem Jahr produziert der einstige Spätzle-Fabrikant im Postweg 6 in Brucken in seiner kleinen, aber feinen Nudelmanufaktur. Wer ihn dort in seinem Reich erlebt, merkt schnell: Arbeit und Leben gehen hier eine Symbiose ein. „Die Nudel lässt mich einfach nicht los“, sagt Peter Herrmann lachend Hinter dem großen Scheunentor im umgebauten Bauernhaus empfängt den Besucher ein rot gestrichener Fußboden, der Blick geht in den Garten, in dem zwei große Skulpturen stehen. Ein großer Trockenofen verrichtet geräuscharm seine Arbeit und hinter einem Lamellenvorhang befindet sich das Herzstück der Produktion: die Nudelmaschine.

Erstaunlich trocken ist der Teig für die Zitronen-Tagliatelle, deren Hauptbestandteil Hartweizengries ist. Wasser, so scheint es für den Laien, wird in äußerste geringen Dosen zugefügt. Damit aus der eher trockenen, grobkörnigen Masse tatsächlich Nudeln werden, dafür ist der Druck zuständig, mit dem der Teig durch den jeweiligen Aufsatz gepresst wird. Letzterer entscheidet über die Sorte: Rigatoni, Radiatori, Tagliatelle, Spaghetti . . . oder einfach die schwäbischen „Broide Nudla“. Im Gegensatz zur Fabrikware bekommen hier die Teigwaren Zeit. „In der Nudelmaschine mische ich die Rohstoffe sehr lange, manchmal läuft sie eineinhalb Stunden. Die Qualität ist deshalb auch entsprechend“, beschreibt der Hausherr seine Vorgehensweise. Die „normalen“ Nudeln gehören zum Standard, den Reiz seiner Arbeit macht für Peter Herrmann jedoch das „Rumprobieren“ aus. Das fand zunächst in der heimischen Küche statt, doch als er immer mehr „Kunden rumgekriegt“ hat, diese ausgefallenen Kreationen zu ordern, war der Entschluss zu einer neuen Produktionsstätte gefallen.

„Wir haben teilweise noch unsere alten Kunden“, freut sich Peter Herrmann. So finden seine Waren nicht nur in Deutschland Absatz, sondern beispielsweise auch in Schweden und den USA. Selbst aus China kam schon eine Anfrage. „Die Emmernudel ist eine besondere Nudel, denn die Grundlage bildet eines der ältesten Getreidesorten“, sagt er und fügt stolz hinzu, dass er sich wohl als den größten Emmernudelhersteller bezeichnen kann. Den Rohstoff dafür stellt die Bioland-Erzeugergemeinschaft Kornkreis zur Verfügung.

Die Experimentierfreude von Peter Herrmann scheint keine Grenzen zu kennen. „Meine Frau bremst mich da immer wieder“, erzählt der bekennende Genussmensch lachend. Ein Blick auf die Homepage zeigt, zu welchen Ergebnissen seine kreative Ader führt: Maronen-, Spargel-, Dill-, Tomaten- oder Kürbis-Ingwernudeln, auch „Flammende Herzen“ sind dabei – richtig scharfe Nudeln in Herzform dank Habanero, eine der schärfsten Chilisorte weltweit. Mit etwa 20 Ausrufezeichen ist der Zusatz „Nur für den Geübten“ auf der Homepage zu lesen. Wer es dagegen gerne exquisit mag, kann sich Sepianudeln mit echtem Blattgold gönnen. Die schwarze Farbe ist dem Tintenfisch zu verdanken, sodass das Edelmetall richtig zur Geltung kommen kann – ein echter Hingucker eben, eine besondere Nudel für einen besonderen Anlass. „Das Schöne ist, dass das Gold nicht verkocht und auf den Nudeln kleben bleibt. Und schon Hildegard von Bingen empfahl Gold gegen Rheuma und Grippe“, beschreibt der Neu-Bruckener seine Edel-Nudel.

Doch damit nicht genug: Im Sortiment sind auch Motivationsnudeln: In Lebensmittelfarbe steht beispielsweise „Die Waage ist mein Freund“ oder „das Glück liegt in mir“ auf jedem einzelnen Teigband. Dünne Nudeltäfelchen füllt er mit Seetang, Basilikum oder Schoko. Seiner Fantasie setzt der Nudel-Createur keine Grenzen. Zur Weihnachtszeit steckte er in mühevoller Fitzelarbeit Lakritzfäden in Rigatoni. Außerdem arbeitet Peter Herrmann gerne mit Köchen zusammen. „Die haben auch immer tolle Ideen, etwa die Knoblauch-Vanille-Nudel“, erzählt er.

Bis eine neue Nudelsorte im Laden landet, vergeht jedoch einige Zeit. Zunächst feilt Peter Herrmann für sich allein an der Rezeptur. Nächste Prüfinstanz ist die Familie, wobei Constanze Herrmann seine stärkste Kritikerin ist. „Wenn diese Hürde geschafft ist, kommen die Freunde dran“, sagt er. Zurzeit feilt er an einem ganz großen Thema: Teigwaren als Fingerfood. „Das wird das Produkt der Zukunft“, ist er sich sicher. Nicht nur seiner Ansicht nach muss der Fleischkonsum global deutlich sinken und die pflanzliche Ernährung der Menschen in den Vordergrund rücken. „Neue Ideen und Wege sind deshalb gefragt“, ist er überzeugt. Hoffnungsvoll stimmt ihn dabei das Lieblingsgericht vieler Kinder: Spaghetti und Tomatensoße.

Die Manufaktur ist mehr als Produktionsstätte: halb fertige, großformatige Gemälde hängen an den Wänden, im Raum zum Garten hin steht ein Flügel und mehrere Sitars – diese Instrumente lernte er bei seinem halbjährigen Praktikum im indischen Kalkutta kennen, und diese landestypischen Zupfinstrumente faszinieren ihn bis heute. Seine CD- und Plattensammlung hat in diesem halb offenen Raum ebenfalls Platz gefunden. „Von Ramstein bis Beethoven ist da alles zu finden. Wenn ich produziere, läuft immer Musik. Zurzeit gehe ich meine alte Plattensammlung durch“, verrät er. Während seiner Zeit auf dem Subkontinent stellte er erstaunt fest, dass Schwaben und Inder eine Gemeinsamkeit haben: Boondis. „Das sind unsere Backerbsen“, löst Peter Herrmann das Rätsel. Die gibt es bei ihm nicht nur in Natur, sondern auch verfeinert mit Curry oder Chili.


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Eine Lieblingsnudel hat der Genießer nicht, er mag sie alle, insbesondere die, die er soeben neu kreiert hat. Anders sieht es dagegen bei seiner Frau Constanze Herrmann aus: „Mit der schwarzen Sepianudel mit einer Garnelen-Tomaten-Sahne-Soße und Dill garniert, kann man mich hinter jedem Ofen hervorlocken“, meint sie lachend. Ihr Reich ist der Nudel-Shop in Ötlingen. Das Geschäft in der Wielandstraße besteht seit 1997 und trägt unverkennbar ihre Handschrift. „Der Laden ist mit mir gewachsen – hier darf ich ich sein“, sagt sie. Nudeln sämtlicher Couleur stehen hier in den Regalen, ergänzt durch viele kleine Spezialitäten wie selbst gemachte Hundeleckerli, besondere Gewürzmischungen, vor allem aus dem asiatischen Raum, aber auch Öle aus regionalen Produkten. Schon alleine daran, wie sie ihre Nudeln anfasse, sehe man, dass sie ihre Nudeln liebe – diesen Satz hört die Chefin öfters von Kunden. Die kommen wegen der Qualität, und weil sie das Besondere mögen. Meist werden dann gleich mehrere Packungen geordert, damit sich der Weg lohnt. „Eine Kundin kommt dagegen extra wegen eines Päckchens Boondis, weil es sie anderswo nicht gibt“, erzählt Constanze Herrmann. Ihre Idee war es auch, kleine 125 Gramm-Päckchen für Singles oder Senioren anzubieten. „Die haben keine Lust auf große Packungen, die wollen lieber für die gleiche Menge vier verschiedene Sorten kaufen“, ist ihre Erfahrung.

Wem der Weg nach Ötlingen zu weit ist, der findet das Ehepaar Herrmann samstags auf dem Kirchheimer Marktplatz. „Ich bin gerne auf dem Markt. Er strahlt eine gewisse Gemütlichkeit aus, die Kollegen sind nett und wir haben schon einige Freundschaften dadurch geknüpft“, schwärmt Constanze Herrmann. Im Laufe des nächsten Jahres soll im Postweg 6 in Brucken noch eine weitere Verkaufsstelle hinzukommen: der einstige Kuhstall, derzeit noch Lager, soll zum Laden ausgebaut werden. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.nudel-shop.com oder www.genussphantasie.de